#49 Hörerfrage: Wie sieht ein Tag im Leben eines Investors aus? Teil 2

Wir alle wünschen uns Mitbestimmungsrechte – je mehr, desto besser. Doch wie ist das in einer Investorengemeinschaft? Wie demokratisch kann es da zugehen? In diesem Blitzlicht beleuchten wir ein Investment der Säule „Infrastruktur“, das Hunderttausende erfreut, aber einen erzürnt hat.

Wenn Privilegien anderen als Tugend vorgehalten werden

Heute mit Teil 2 der Antwort auf die Hörerfrage: Wie sieht ein Tag im Leben eines Investors aus? 

Greifen wir zur Erinnerung gleich auf, was im letzten Blitzlicht Thema war: Das Leben eines Investors ist für mich kein Beruf oder eintöniges Hamsterrad mit berechenbaren, planbaren Tätigkeiten. Wenn es die gäbe, dann könnte ich ja etwas Typisches aus dem Investorenalltag berichten. Kann ich aber nicht, weil es nur wenig Alltag gibt, dafür aber eine Art erwartungsfrohe Grundhaltung. Und diese Haltung, bezogen auf meine Rolle als Investor, könnte so lauten: Welche großartigen Gelegenheiten lauern mir heute wieder auf?

Mit so einer Haltung und diesem Gefühl der Vorfreude will man doch morgens aus dem Bett hüpfen können, oder? Das gelingt mir gewiss auch nicht immer, aber ohne das Investorendasein hätte ich es wahrscheinlich noch viel weniger. Und dann war da noch ein Gefühl, das ich versuchsweise in Worte packen wollte: Dieses Gefühl mich als Investor mit dem Leben zu verbinden, wenn ich Wertschöpfung finanziell fördern kann, die das Leben vieler Menschen berührt. Beispiele für die Lebendigkeit von Projekten habe ich für die 3. Säule Agrikultur und die 2. Säule Entwicklungsimmobilien gebracht; jetzt will ich ein Beispiel aus der Säule I „Infrastruktur“ dazulegen.

Das Internet. Zählt das Internet zur Infrastruktur? Unnötige Frage – das Internet ist längst zur Basis-Infrastruktur aller Infrastrukturen geworden. Leben auf diesem Planeten war vor 35 Jahren vielleicht noch ohne Internet vorstellbar, doch wer heute keinen Zugang zum Internet hat, schaut aus einem  vergleichsweise kleinen Fenster in die Welt. Über den verbindenden Charakter des Internets, der Kommunikation, Wissen und geschäftliche Möglichkeiten fördert, über den dürften sich jedenfalls die meisten einig sein.

Was liegt also näher, sich als Säule I-Investor, wenn es irgendwie möglich ist, an einem Internet-Projekt zu beteiligen? Bei Starlink von Elon Musk war es meines Wissens nicht möglich; klar, dieser schlaue und reichste Bursche der Welt kann es sich auch leisten, seine 12.000 Satelliten alleine zu finanzieren; so muss er auch den Gewinn mit niemandem teilen.

Zum Glück besteht Wettbewerb und Vielfalt im Internetmarkt, sonst wären wir irgendwann alle abhängig von Elon-Musk-Konzernen; und bei aller Bewunderung für diesen Mann würde mich dieser Gedanke gruseln. Umso schöner, dass vor etlichen Jahren Investoren die Möglichkeit hatten, über eine Beteiligungsgesellschaft die Internetversorgung auf einem größeren Gebiet eines bestimmten Landes voranzubringen – und das war Kolumbien.

Wer „Kolumbien“ hört, denkt jetzt vielleicht an Drogen, Bürgerkrieg und Guerilla, Korruption, hohe Berge und dritte Welt – grüß Gott im Reich des Schubladendenkens. Kolumbien mag all das sein und haben, aber zugleich ist es richtiggehend aufblühendes Land mit wirtschaftlichem Potential und vielen unternehmerisch denkenden Menschen, die was bewegen wollen. Damit grüß Gott in der Welt eines Investors, der die Probleme und Konflikte eines Landes gewiss im Blick hat – und sich dann aber fragt, wie er diese Probleme und Konflikte lösen kann. Denn wer Probleme löst, der schafft Mehrwert, und wer Mehrwert schafft, verdient Renditen.

Je höher der Mehrwert und je mehr Menschen die Lösung nutzen, desto höher die Rendite. Oder anders gesagt: Die Größe des Problems und die Anzahl derer, die von einer Lösung des Problems profitieren, machen proportional die Rendite aus. Weil das ein so zentraler Investorengedanke ist, will ich den nochmal wiederholen: Die Größe des Problems und die Anzahl derer, die von einer Lösung des Problems profitieren, machen proportional die Rendite aus. Gute Aussichten also für unser Internet-Projekt.

Nun, das Internet in Kolumbien zu finanzieren und zu installieren, mit seiner herausfordernden, weil oft unwegsamen Landbeschaffenheit, das war ein großes Problem. Da Glasfaser damals noch nicht so populär war wie Sendemasten und Funk, hat also die Investorengemeinschaft einen Teil ihres verfügbaren Kapitals in ein Sendemastennetz gesteckt auf Kolumbianischem Staatsgebiet. Die Rendite auf Projektebene war dann am Ende nicht berauschend, aber völlig ok angesichts der kurzen Zeit, nach der wir uns wieder zurückgezogen haben und uns ein institutioneller Investor die Anteile abgekauft hat. Außerdem, das wissen alle Wohlstandsbildner, steht die Säule I nicht vorrangig für Rendite. Sie steht für Stabilität und Streuung; die Renditen kommen aus den anderen Säulen.

Der Streuungsfaktor und das deshalb im Verhältnis kleine Investitionskapital sorgten dafür, dass wir ohnehin nicht so nah dran waren an diesem Projekt wie an anderen. Ein weiterer Grund war, dass Kolumbien weit weg ist und einen Sendemasten zu besuchen nun nicht den Gipfel menschlichen Ansporns darstellt. Das lief als plausibles Vorhaben einfach mehr so mit und das Ergebnis war trotzdem toll: Heute haben rund 3 Mio. Menschen von den insgesamt 50 Mio. Kolumbianern zuverlässigen Zugang zum Internet. Tausende kleine und größere Internetshops sind entstanden, ebenso jede Menge Interessensgemeinschaften auch über weite Entfernungen hinweg und die Unternehmer in dem Land bringen ihre Dinge voran, gerade auch, was den Export ihrer Waren angeht.

Nun, ich könnte von Infrastruktur-Projekten erzählen, die spektakulärer und lukrativer waren und sind. Ich habe aber dieses Beispiel genommen, um noch etwas Anderes zu demonstrieren, was gar nicht so selten vorkommt. Ich rede da von Investoren, denen ich etwas vorhalte, was Sarah Wagenknecht – ihr wisst schon, diese kluge, scharfzüngige Links-Politikerin –, was die in einem ihrer Bücher einigen ihrer Parteifreunden unterstellt hat: Privilegien zu nutzen und diese anderen als Tugend vor die Nase halten.

In dem Beteiligungsprojekt sah das so aus: Da gab es einen Beteiligten in der Investorengemeinschaft, der hat sich genauer mit den einzelnen Projekten beschäftigt, die finanziert wurden. Grundsätzlich fand er alle Projekte sinnvoll und aussichtsreich, außer eines: das Sendemasten-Projekt in Kolumbien. Da schreibt er mir eine E-Mail und bringt deutlich seinen Unmut zum Ausdruck: dass das Management unserer Beteiligungsgesellschaft dazu beitragen würde, die doch noch ach so gesunde, im Einklang mit der Natur lebende Bevölkerung Kolumbiens mit Elektrosmog zu belasten. Das war seine Überzeugung, ungeachtet davon, wie sehr er sich mit den Problemen der Bevölkerung beschäftigt hat. Er fände unser Engagement jedenfalls unmoralisch und rügt daher das Management, das Profit über die Gesundheit von Millionen stellt. Er wolle zukünftig vor der Finanzierung solcher Sachen befragt werden, um evtl. sein Veto einlegen zu dürfen. So, so.

Nun, ich finde es völlig ok, wenn jemand von vorneherein seinen Einstieg in einebestimmte, direkte Beteiligung ablehnt. Dann muss er ja nicht mitmachen. Aber im Falle einer Investorengemeinschaft, die rund 150 Projekte aufbaut, da geht das natürlich nicht, jedem Einzelnen ein Veto-Recht einzuräumen. Und es lässt sich in der Beteiligungswelt auch nicht organisieren, dass Leute vor ein Buffet von Infrastruktur-Projekten gestellt werden und jeder darf sich das Projekt auf seinen Teller laden, das seinen Glaubenssätzen entspricht. Denn eine kompetente Auswahl zu treffen ist unmöglich, ohne jedes einzelne Projekt in seiner Tiefe zu verstehen.

Außerdem gibt es das sog. Semi-Blindpool-Problem: Angenommen, von den insgesamt 15 Jahren Laufzeit der Beteiligungsgesellschaft wird zu Beginn 2 Jahre lang Geld eingesammelt. Dann können, wenn das Management fit ist, schon nach 9-15 Monaten die ersten Projekte finanziert werden. Wer am Ende der 2 Jahre noch gerade so in die Gesellschaft hüpft, der kennt also schon ein paar Zielinvestitionen, an deren Gewinn er beteiligt sein wird. Aber der größte Teil des Portfolios wird in der sog. Investitionsphase aufgebaut, also in den nächsten fünf bis acht Jahren. Was in dieser Zeit finanziert wird, kann am Anfang noch gar nicht bekannt sein; dem gegenüber ist man als Investor blind, wie wir alle blind sind für das meiste, was in der Zukunft liegt. Daher der Blindpool-Aspekt: Man baut einen 100 Mio. Euro schweren Investitionstopf auf, der am Anfang leer ist, und erst mit den Jahren wird ein Portfolio sichtbar. Das eingangs erwähnte Buffet wäre also überwiegend leer; da gäbe es gar nichts, was man sich nach seinem persönlichen Geschmack auf den Teller packen kann.

Wie soll man dann als Investor wissen, auf welche Weise das eigene Geld verwendet wird? Dafür gibt es Investitionsrichtlinien, die haarklein aufgeführt im Verkaufsprospekt der Beteiligung oder im Informationsmemorandum der Gesellschaft stehen müssen. Diese Richtlinien bestimmen, welche Projekte das Management im Auftrag aller Beteiligten finanzieren darf; und die Bafin hat 2013 eine Instanz geschaffen, die ausdrücklich darüber wacht und dafür haftet, dass sich jeder Investor darauf verlassen kann, dass diese Richtlinien, eingebettet in ein Risikomanagement, eingehalten werden. Deshalb verwaltet diese Instanz in letzter Instanz das ganze Geld, und deshalb heißt sie Kapitalverwaltungsgesellschaft oder kurz: KVG.

Das Asset-Management, also die Jungs, die die einzelnen Projekte an Land ziehen und betreuen werden, die legen jedes einzelne Zielinvestment der KVG vor, und die entscheidet dann, ob die Richtlinien eingehalten werden und finanziert werden darf. Diese Richtlinien stehen übrigens zwei Mal im Prospekt, das jedem interessierten Investor vor seinem Einstieg ausgehändigt werden muss: nämlich vorne in der allgemeinen Beschreibung und hinten nochmals im Gesellschaftervertrag.

Und eine letzte Bemerkung zu diesem, ich weiß, etwas bürokratischen Thema: Es gibt viele KVGs in Deutschland, die im Auftrag der Bafin Anlegergeld verwalten dürften. Viele davon brüsten sich, nicht nur verwalten und kontrollieren zu können, sondern auch das Management selbst zu machen, also Zielinvestitionen zu akquirieren und zu betreuen. Das nennt man dann „interne KVG“. Mal abgesehen davon, dass ich hier einen Interessenskonflikt sehe, wenn Kontrolleur und der Kontrollierte ein und dasselbe sind, abgesehen davon lehne ich Fonds mit so einer KVG ab: Es ist gut, wenn in einer KVG Technokraten und Sesselpupser sitzen, die Richtlinien prüfen und anderen bürokratischen Kram machen. Aber vom Management hunderter Projekte haben sie keine Ahnung. Die meisten haben nicht mal das Netzwerk, um gute Projekte weltweit an Land ziehen zu können, denn allein die Akquise ist richtig harte Arbeit, für die ein Management Duzende sog. Scouts haben muss und Manager vor Ort. Eine KVG braucht Bürokratengesinnung, da müssen Planer drinsitzen, die regelmäßig der Bafin Bericht erstatten. Ein Management aber braucht Investorengesinnung, da müssen Macher drinsitzen. Dann ist das eine runde Sache. Deshalb akzeptiere ich nur externe KVGs, die ein Management als eigene Instanz überwachen. Mit internen KVGs habe ich schon viel Geld verloren, als ich noch keine Ahnung davon hatte, deshalb meiner Meinung nach: Hände weg von solchen Konstruktionen.

Deshalb bin ich jetzt auch so ausführlich darauf eingegangen, weil 1. kaum jemand prüft, mit was für einer KVG er es zu tun hat, wenn er überhaupt wusste, dass es sowas gibt, und weil 2. viel zu wenig Kleinanleger gezielt ins Prospekt und in den Gesellschaftervertrag schauen, um zu wissen, nach welchen Kriterien ihr Geld investiert wird. Aber genau dort spielt die Musik! Dort steht, ob man es etwa mit ethisch beanstandungsfreien Richtlinien zu tun hat, weil Krieg, Waffen, Drogen, Prostitution ausgeschlossen werden, oder ob in alles investiert werden darf, das irgendwie nach Sachwert riecht, womöglich noch an der Börse gehandelt wird und eigentlich niemand so ganz genau weiß, wo das Geld landet.

Um auf unseren kritischen Investor mit seiner Mission „Kein Elektrosmog für Kolumbianer“ zurückzukommen: In den Richtlinien seiner Investorengemeinschaft wurde Elektrosmog nicht ausgeschlossen, weil das gar nicht umsetzbar ist: Sobald irgendwo Strom fließt, haben wir elektromagnetische Felder. Ist ja nur die Frage, ob sie uns belasten oder nicht. Zugegeben, bei Sendemasten mit reichweitenstarken Feldern ist das tatsächlich die Frage, doch die soll jetzt hier nicht diskutiert werden. Wir wissen nur: Seiner Meinung nach war es verwerflich, den Kolumbianern das Internet zu installieren mit den damaligen Mitteln der Wahl.

Der Knaller ist, dass sich genau jener Elektrosmog-Gegner Jahre vorher beklagt hat, dass die Durchschnittsrendite einer seiner Beteiligungen bei 10,4% lag – aber eben nicht bei rund 12%, wie ich damals in Aussicht gestellt habe. Da war er dann schon enttäuscht und ich musste mir die Rüge einfangen, das nächste Mal vorsichtiger zu sein mit der Prognose von Renditezahlen.

Was soll ich dazu sagen? Es hat eben seinen Preis, wenn die Investitionsrichtlinien schon ziemlich viel ausschließen, was wir alle nicht so ehrenwert finden. So Dinge eben, die sonst nahezu von aller Welt finanziert wird, meistens unbewusst, z. B. an der Börse, mit Banken- und Versicherungsprodukten und Anleihen. Aber ok, vielleicht nehmen wir den Elektrosmog durch Sendemasten mit in die Ausschlusskriterien fürs nächste Mal. Dann halten wir uns vielleicht raus aus der Finanzierung von 5G, obwohl wir alle auch das nutzen werden, weil wir gar keine andere Wahl haben werden.

Bis dahin aber schaue ich aus dem 3. Stock herunter und sehe unseren aufrechten Kämpfer für eine sendemastenfreie Welt, wie er in seinem Hybrid-Toyota das Navi programmiert, mit dem Handy kurz zuhause anruft, ein paar Whatsapp-Nachrichten beantwortet und sich das Programm seines Lieblingskinos abruft, bevor er losfährt. Da muss ich schon grübeln: Nutzt dieser Mensch jetzt nicht Privilegien, enthält sie aber anderen vor aus ach so tugendhaften Gründen? Wie auch immer, die Zustimmung der kolumbianischen Bevölkerung war jedenfalls überragend, als es um die Installation der Sendemasten ging. Ich finde, wir Investoren sollten allen Menschen das Bedürfnis zugestehen, auf das wir selbst bestehen: Das Bedürfnis nach Autonomie. Anstatt bevormundet zu werden, wollen wir doch alle entscheiden, mit welchen Chancen und Risiken wir zu tun haben wollen.

Nächste Woche, im Blitzlicht Nr. 10 und letzten Teil der Serie, wie ein Tag eines Investors aussieht, beschreibe ich, wie meine Tage so aussehen. Damit ich wenigstens ein paar konkrete Antworten auf die ursprüngliche Hörerfrage liefern kann – auch, wenn sie nur mein Leben betreffen. Vielleicht erkennt sich ja der ein oder andere Investor darin wieder oder findet Anregungen, die er selbst umsetzen kann.

Derweil – ihr könnt es euch schon denken – wünsche ich uns allen ein Leben in Fülle.
Euer Andreas

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