Auszeit als Innenschau

Auszeit als Innenschau

Podcastreihe: Wohlstandsbildung in Zeiten einer Pandemie [2/4]

Reden wir heute über die erzwungene Auszeit als Innenschau, was mit dem Südpol zu tun hat und warum ich in der Corona-Erschütterung ein folgerichtiges und vielleicht zutiefst sinnvolles und nicht zufälliges Geschehen sehe jenseits von allen Verschwörungstheorien.

 

 

Andreas Ogger hat 25 Jahre lang beruflich Musik und Medizin ausgeübt. Dann der Sprung in die Investorenwelt: Erst aus Notwendigkeit in einem kaputten, krisen- und virengeschüttelten Finanzsystem. Bis daraus pure Freude, Fülle und Leichtigkeit wurde. Denn Wohlstandsbildung ist weit mehr als nur mehr Geld und der Sprung in ein freieres Leben.

Das öffentliche Leben, wie wir es kennen und für selbstverständlich gehalten haben, dieses Leben wurde mit der Corona-Krise weitgehend stillgelegt. Ganz ehrlich: Ich finde das so einschränkend wie jeder andere auch, aber viele, auch ich, sehen gleichzeitig eine andere Seite: Endlich kann mal ausgeatmet werden in einer von Wettbewerb, Selbst- und Zeitoptimierung gefangenen und vom Wachstumszwang regierten Gesellschaft, die nur noch Luft einsaugt, um sich aufzublasen, weil sie sich nur noch mit dieser Art Dauerspannung selbst spürt.

Auf körperlicher Ebene nennt man so etwas Asthma. Asthmatiker atmen ein, schaffen es aber nicht mehr auszuatmen. Wir sind wirtschaftliche Asthmatiker geworden, und unser Finanzsystem mit diesem sorglosen Umgang mit Schulden und Geld, dem keinerlei Wert mehr gegenübersteht, befeuert und erzwingt dieses ständige, krankhafte Einatmen, und wofür? Um ein Wachstum zu bezahlen, das auf keinen Fall unterbrochen werden darf; deshalb gibt es auch sofort Panik unter den Politikern, wenn unser Bruttoinlandsprodukt auch nur 0,5 % weniger steigen sollte als erhofft.

Aber jetzt, in Coronazeiten, reden wir nicht mehr über einen Haushaltseinbruch des Landes mit einer Null, sondern auf jeden Fall mit einer ganzen Acht vor dem Komma, es gibt auch schon deutlich zweistellige Befürchtungen. So ein scharfer Einbruch war vor einem Monat noch eine völlig unmögliche Vorstellung, und jetzt kommt er schlimmer daher als die große Depression 1929. Und dabei jetzt von einer Vollbremsung unserer Wirtschaft zu sprechen erscheint mir als eine Verniedlichung oder Verzeihung: Blödsinn, denn es ist natürlich viel mehr: alle großen und verschuldeten Nationen sind bei voller Fahrt aus der Kurve geflogen und überschlagen sich bis zum heutigen Tag, und wann die Karre zum Liegen kommt, ist heute am 27. März 2020 noch nicht einmal absehbar. Eine Vollbremsung wäre ja harmlos dagegen, ja geradezu eine gesunde Variante.

Da meinte wohl irgendeine um Ausgleich bemühte Kraft im Universum, dass das Pendel unserer ewig auf Wachstum getrimmten Uhr nicht nur zurückschwingen, sondern vielmehr zurückkatapultiert werden muss. Und es fühlt sich jetzt so brutal an, weil es vielleicht zeigt, wie sehr wir aus dem Gleichgewicht geraten sind in den letzten 10-12 Jahren seit der Finanzkrise 2008.

Als wir diesen Einschnitt in der Bankenwelt noch als Finanzkrise bezeichnet haben, wussten wir ja nicht, was noch kommt und wie eine wirkliche Krise aussehen kann. Der Untergang von Lehman Brothers war im Vergleich lautes, klapperndes Getöse, das uns letztlich zu keinerlei Umkehr von der Raserei bewogen hat, weil es mit Schuldengeld zum Schweigen gebracht werden konnte; aber jetzt schaut euch, liebe Podcast-Zuhörer, diese Eleganz an, die das Leben heute an den Tag legt: dass eine unsichtbare Mikrobe die gesamte Welt stillstehen lässt und in eine medizinische Krise manövriert, so raffiniert und dieses Mal so zwingend, dass sich dem auch Wüteriche wie Donald Trump beugen müssen, die ja sonst jede rote Ampel überfahren, weil sie – wie eingangs erwähnt – sonst gar nicht spüren, dass sie noch am Leben sind, so weit von sich selbst und ihrer eigenen Mitte entfernt.

So ein bisschen dachten wir in den letzten 10 Jahren doch alle, dass es nur den Nordpol gibt und haben völlig verdrängt, dass seine Existenz nur durch einen Südpol gerechtfertigt wird. Jedes Schiff bekommt Schlagseite, wenn alle nur auf einer Seite rudern. Die Finanzkrise hat das Boot massiv schwanken lassen, und wir hätten einen Ausgleich schaffen können, beginnend mit einer weltweiten Finanzreform hin zu einer humanistischen Form des Kapitalismus, die vor allem das Zinssystem infrage stellt; das wäre so etwas wie eine erlöste Form des Lernens gewesen.
Aber erlöst lernen wahrscheinlich nur höher entwickelte Gesellschaften. Bei uns muss das Boot noch wirklich untergehen und tausende Menschen in den Tod reißen, um was zu bewirken?

An der Stelle will mich mein Glaube an eine Art kollektiver Intelligenz nicht so recht tragen. Denn ich glaube, wir geben einfach dem Virus die Schuld und machen weiter wie bisher, nur unter erheblich noch rasanteren Bedingungen, weil mit weit größerer Schuldenlast – wir sind ja nicht mehr weit von 10.000 Milliarden Dollar Hilfsgeldern weltweit entfernt. Das Virus ist mag der Auslöser gewesen sein, aber das Dominospiel, das jetzt weltweit zusammenfällt, war einfach reif für eine Katastrophe. Einem Virus die Schuld für ein scheinbar einmaliges Geschehen zu geben, wäre nur pure Vertuschung der eigentlichen Ursachen, die das Virus nur sichtbar gemacht hat.

Unser Hirn, gerade das der Wissenschaftler, ist scheinbar nur in der Lage in Kategorien von Ursache und Wirkung, Problem und Lösung zu denken. Böses Virus ist die Ursache – Stillstand unserer Wirtschaft die Wirkung – Impfstoff ist die Lösung. Und dann weiter mit der maßlosen Beschleunigung nach dieser ärgerlichen Unterbrechung, mit steigenden Börsenkursen durch billiges Geld, mit dem Lärm einer Dauerunterhaltungsdaddel-Gesellschaft und dem Optimierungswahn einer dauerunzufriedenen, konsumorientierten, ihren Planeten so lustvoll kaputt machenden Menschheit. Und was sagt die Menschenheit zur Ursache des jetzigen Virus, das gerade jetzt auftaucht und so hoch infektiös ist? Wenn wir dabei irgendwelche wirren Verschwörungstheorien außen vorlassen, dann sagen wir dazu: Zufall. Eine zufällige Mutation. Und zufällig auf den Menschen übergegangen. Der Zufall ist Lösung ist, wenn keine Ursache herhält, der man die Schuld geben kann.

Dabei weiß doch gerade die Wissenschaft, wissen die Quantenphysiker, dass dem Ursache-Wirkung-Verhältnis ein weit mächtigeres Gesetz unterliegt, nämlich Synchronizität, Resonanz, und dass alles, was passiert, nicht nur Ursache ist, sondern vor allem Entsprechung und Ausgleich. Wie kann es auch anders sein in einem Universum, das aus Teilchen besteht, die alle ihr Spiegelteilchen haben, alle Teilchen miteinander korrespondieren und alles bestrebt ist, zurückzufließen in den Zustand, der am wenigsten Energie aufwendet, also in die Mitte, in die Balance der Kräfte und Dinge?

Wir erleben gerade zur Ausbalancierung eines heftigen Ungleichgewichts diese Entsprechung, die uns sonst so fehlt, wir bekommen die Beachtung des anderen Pols gerade vorbildlich auferzwungen: denn in unserem Land und überall sonst ist jetzt Stille, Einkehr, Innen- statt Außenwelt, Verlangsamung, Ausatmen und Loslassen statt Einatmen und Festhalten, Reduktion anstatt Expansion, Rezession statt Wachstum, halt mal Tal statt Berg, Einfachheit statt Verwirrung oder ganz schlicht: Der Südpol erinnert uns daran, dass nur wegen ihm ein Nordpol existiert. Das Schiff bringt sich wieder in eine stabile Lage. Die materielle Raserei darf mal durchschnaufen, denn unser Bewusstsein hat die Ampeln auf Rot gestellt.

Doch alles ist naturgemäß zyklisch: Nach dem Ausatmen folgt das Einatmen, und je intensiver das Ausatmen, umso kräftiger das Einatmen, und das mag vielleicht ein kleiner Trost und Motivation zum Durchhalten sein für die, die jetzt unter diesem Shutdown leiden: Nach jeder Wirtschaftskrise folgt ein Wirtschaftsboom. Das war bisher immer so und wird Bestand haben. Ich glaube, das Leben auf diesem Planten ist gar nicht dazu gemacht, auf Dauer in der Mitte zu verbleiben, es wäre zu ruhig, zu gemütlich, zu warm, zu langweilig und reizarm und daher zu arm an Erfahrungen dort. Das Pendel muss schwingen, das Schiff muss schwanken, das ist Leben, das sich vor allem durch das Erleben von Gegensätzen selbst erfährt und wahrnimmt. Aber so voll gegen die Wand zu fahren könnten wir vielleicht vermeiden, wenn wir der gegensätzlichen Richtung wenigstens Aufmerksamkeit schenken würden, während wir in die eine rasen, und wenn wir keinen Weg als alternativlos hinstellen, denn dieses Wörtchen garantiert geradezu, dass das Leben sehr wohl eine Alternative präsentiert – weil es muss.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es höher entwickelte Kulturen gibt, vielleicht auf einem anderen Planeten, die keine Schleuderfahrt mehr brauchen von der einen zu anderen Seite der Extreme hin. Denen reicht es, sich zu erinnern, wie es ist in einem Heiß-Kalt-Reich-Arm-Krieg-und-Frieden-Universum lebt, und wenn sie es vergessen sollten, müssen sie ja nur ihr Fernrohr rausziehen und auf den Planeten Erde schauen.

Ich bin jedenfalls völlig einverstanden mit der jetzt erzwungenen Alternative eines sonst rastlosen Wirtschaftstreibens, denn ich sehe noch einen anderen Segen in so einer Ausnahmezeit, die unsere Gewohnheiten auf den Kopf stellt: In der Vergangenheit haben vor allem die schwierigen Zeiten als Katalysator gedient für eine Fülle an Innovationen und Technologien, die danach wie explodiert sind und das Leben verbessert haben. Jeder kennt den Spruch „Not macht erfinderisch“, und es kündigt sich jetzt schon an, dass, was wir an Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und zeitgemäßes Arbeiten kennen, sich im Aufschwung ganz neu entfalten und etablieren wird. Außerdem pflegen Menschen in so harten Ausnahmezeiten wie jetzt sich wieder an das zu erinnern, was sie ausmacht, nämlich Menschsein und nicht nur Schräubchen sein im Räderwerk des Kapitalismus; es sind doch tolle Bilder mit den singenden Italienern auf Balkonen, mit den 160.000 hilfsbereiten Briten und dass Franzosen auf deutsche Intensivstationen aufgenommen werden, obwohl die für die Deutschen selbst auch schon knapp werden.
So gesehen stecken die Füße im Morast, aber die Nase umweht ein Frühlingswind.

Ich habe letztlich gar nichts gegen Extreme und die Erfahrung von Grenzen, und Evolution hat ja damit zu tun, Grenzen ständig zu verschieben. Doch selbst Grenzerfahrungen lassen sich besser verkraften, wenn währenddessen der andere Pol nicht ausgeschlossen und verleugnet wird. Oft ist es ja schon allein heilsam zu erkennen, dass man jedes Maß und Mitte völlig verloren hat. Und wenn wir schon das Wirtschaftstreiben der ganzen Welt nicht ändern können, bleibt uns wenigstens der Einfluss auf unser eigenes Leben:
Wer viel arbeitet, könnte sich bewusst immer wieder Müßiggang verordnen, bevor er ausbrennt.
Wer denkt, nur mit total gesunder Ernährung überleben zu können, ist ganz selten mit einem Stück Kuchen und einer Currywurst gut bedient.
Eiserne Disziplin verlangt auch mal Laissez-faire und wer das Wort regelmäßig genau anschaut, sieht schon, dass es um einen maßvollen Umgang mit Regeln geht.
Sport ist eines der dankbarsten Felder der Extreme, entweder er wird übertrieben oder gar nicht gemacht. Dabei zeigt die Forschung, dass ein Körper fitter ist, wenn er seltener und unregelmäßiger, dafür kurzzeitig hart rangenommen wird.

Und Wohlstandsbildnern kann ich nur empfehlen: Das Bewusstsein für Investition und Konsum ist gut, aber eisernes Sparen macht langfristig arm. Nehmt von jeder Rendite einen kleinen Teil, um ihn zu verblitzen, wie die Österreicher sagen, und den Rest reinvestiert. Und rafft nicht alles Geld für euch selbst, sondern gewöhnt euch schon ohne großes eigenes Vermögen an, einen Teil einfach wegzugeben für andere, also zu verschenken und zu spenden. Das wirkt erhöht die Rendite, auch wenn es mathematisch unlogisch erscheint.

Und allen noch Nicht-Wohlstandsbildnern rufe ich zu: Sperrt das Thema Finanzen nicht raus aus eurem Leben. Die Beschäftigung mit Geld und Vermögensaufbau gehört in unserer Gesellschaft zu einem ausgeglichenen Leben dazu, und selbst Finanzmuffeln macht ein produktiver, entspannter Umgang mit Vermögensaufbau irgendwann richtig Spaß, ich habe da bald hunderte Beispiele. Und dann kann die nächste Wirtschaftskrise kommen! Dann seid ihr finanziell so entspannt, dass man gerne dem anderen Pol ein paar Wochen lang Aufmerksamkeit schenkt.

Im nächsten Podcast dieser Reihe spreche ich über einen Zustand, der leider einem gängigen Extrem entspricht und vielen Menschen hart zusetzt, oft ohne, dass sie es wissen: es geht um das moderne Sklaventum. Und darum, dass eine Badehose ein perfektes Sinnbild sein kann für Wohlstandsbildung. Bis dahin!

 

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